Wenn plötzlich schon eine Kleinigkeit zu viel ist und warum Stress nicht nur davon abhängt, wie viel wir zu tun haben….
Der Terminkalender ist voll. Das Telefon klingelt. Drei Dinge müssen gleichzeitig erledigt werden. Und trotzdem läuft der Tag erstaunlich gut.
Ein paar Tage später genügt dagegen vielleicht eine einzige unerwartete Nachricht und wir denken: „Bitte. Heute nicht auch noch DAS.“
Wie kann es sein, dass wir an einem Tag scheinbar unglaublich viel wegstecken – und uns an einem anderen bereits eine Kleinigkeit aus der Balance bringt?
Vielleicht, weil Stress eben nicht ausschließlich eine Frage davon ist, wie viel wir zu tun haben. Wie voll war der Akku eigentlich vorher?
Stell dir vor, du würdest morgens nicht nur mit einer Akku-Anzeige auf deinem Smartphone aufwachen, sondern auch mit einer für deine eigenen körperlichen und mentalen Ressourcen. 100 Prozent? 73 Prozent? Oder startet der Tag heute vielleicht schon mit 28 Prozent?
Denn wir begegnen den Anforderungen unseres Alltags nicht jeden Morgen mit denselben Voraussetzungen. Schlaf, körperliches Wohlbefinden, private Sorgen, Gedanken, vorausgegangene Belastungen, soziale Unterstützung und Möglichkeiten zur Regeneration können mit beeinflussen, wie gut wir gerade mit einer Herausforderung umgehen können.
Deshalb kann auch derselbe Mensch auf eine ähnliche Situation an unterschiedlichen Tagen völlig verschieden reagieren. Stress ist zunächst nicht unser Feind Unsere Stressreaktion erfüllt eine wichtige biologische Funktion. Bewertet unser Gehirn eine Situation als herausfordernd oder bedrohlich, wird unser Organismus aktiviert. Energie und Aufmerksamkeit werden bereitgestellt und wir können kurzfristig besonders handlungsbereit sein.
Schwierig kann es werden, wenn auf diese Aktivierung immer seltener ausreichende Erholung folgt.
Aus
Belastung → Aktivierung → Erholung
wird dann immer häufiger:
Belastung → Aktivierung → nächste Belastung → weiter funktionieren → nächste Belastung.
Und irgendwann fühlt sich vielleicht auch die kleine zusätzliche Aufgabe gar nicht mehr so klein an.
Muss ich also einfach resilienter werden? Auch der Begriff Resilienz begegnet uns inzwischen überall. Häufig wird darunter eine Art mentale Unverwundbarkeit verstanden: Bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen. Stark bleiben. Weitermachen. Doch darum geht es nicht.
Resilienz beschreibt vielmehr unsere Fähigkeit, mit Belastungen und Veränderungen umzugehen, uns anzupassen und nach schwierigen Situationen wieder Stabilität zu entwickeln.
Für mich gibt es dafür ein wesentlich schöneres Bild:
„Es geht nicht darum, niemals ins Wanken zu geraten.
Es geht darum, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.“
Und daran können unterschiedliche Ressourcen beteiligt sein. Zum Beispiel soziale Unterstützung, Regeneration, der Umgang mit den eigenen Grenzen, Problemlösefähigkeiten, unsere Gedanken und Bewertungen oder die Fähigkeit wahrzunehmen, was uns Kraft gibt – und was sie uns dauerhaft nimmt. Vielleicht brauchen wir deshalb eine andere Frage – statt: „Wie bekomme ich weniger Stress?“ – „Was brauche ich, damit ich mit den Anforderungen meines Lebens besser umgehen kann?“
Nein, wir können nicht jede Belastung einfach abschaffen – manchmal ist es eher so, als kämen wöchentlich neue Belastungen oben drauf. Aber wir können beginnen zu verstehen, wie wir auf Belastung reagieren, welche persönlichen Stressmuster wir haben und welche Ressourcen uns unterstützen können.
DAS macht Stressmanagement für mich interessant. Hier geht`s nicht mehr nur um „schnelle Entspannungstipps“, sondern um ein besseres Verständnis für die eigenen Ressourcen.
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